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Titel:Wir können auch anders!
Inhalt:Sie kennen das traditionelle System rechtlicher Problemlösung:
"Das muss ich mir von Ihnen nicht bieten lassen! Sie hören von meinem Anwalt!!"
Und so sucht man seinen Anwalt auf, der Kontakt zu dem Anwalt des Gegners aufnimmt, die eigene Rechtsposition fundiert darstellt, was der Gegenanwalt natürlich ebenfalls tut. Also erhebt ein Anwalt Klage bei Gericht, beide Anwälte versuchen, den Richter von der eigenen Rechtsposition zu überzeugen, um den Prozess zu gewinnen.

Die Parteien schauen leicht befremdet, aber bewundernd und hoffnungsvoll zu. Das Gericht weist in öffentlicher Sitzung auf Schwächen der wechselseitigen Rechtspositionen und auf Prozess- und Kostenrisiken hin. Der Anwalt sorgt sich um die Rechtsposition seiner Partei, wenn diese mit dem Richter oder gar mit der anderen Partei direkt spricht: "Die redet sich noch um Kopf und Kragen!" Dann wird das Urteil nach Recht und Gesetz gesprochen. Eine Partei gewinnt auf Kosten der anderen.

Der Gewinner hat mit seinem früheren Partner immer noch ein Problem. Bei Gericht ist er auch nicht so richtig zu Wort gekommen. Das Urteil muss sein Anwalt jetzt vollstrecken. Und wenn die Gegenseite noch in Berufung geht...

Es gibt ein anderes System nachhaltiger Problemlösung an: Die professionelle Streitschlichtung, die Mediation!
Ohne Gericht! Die Parteien machen es selbst! Die wissen nämlich besser als die Juristen, welche Lösung gerade für ihr Problem die beste ist - und sie verlieren nicht die Basis für eine weitere Zusammenarbeit! Das ist nicht einfach. Es fordert von beiden Parteien die Bereitschaft zur Kommunikation, um Standpunkte besser zu verstehen.
Ein Beispiel ist das in diesem Zusammenhang oft angeführte "Orangenbeispiel":
Zwei Schwestern streiten um eine Orange. Beim Denken in Positionen (z.B. der des Eigentums) will jede die ganze Frucht für sich haben. Als Kompromiss fällt einem schnell die Halbierung ein. In der Mediation erkennen beide aber im Wege rationalen Verhandelns, dass die eine Schwester das Fruchtfleisch essen möchte, während die andere die Schale zum Backen benötigt. So kann jede bekommen, was sie braucht, ohne dass der anderen etwas fehlt.

Die Fähigkeit zu diesem Prozess der Kommunikation und Verständigung vermittelt der Mediator. Der hat das nämlich gelernt. Er entscheidet also den Streit nicht, sondern bemüht sich zusammen mit den Parteien, das gleiche Bild vom Konflikt zu bekommen, das auch die Parteien gewinnen sollen. Und zusammen mit den Parteien erarbeitet er Lösungsmöglichkeiten, aus denen die Parteien die beste für beide Seiten aussuchen.

Der Rechtsanwalt ist in der Mediation willkommen, weil er für den Schutz und die Beratung sorgt, den die Parteien brauchen, um sich in der Mediation sicher zu fühlen. Damit kann mehr erreichen werden als vor Gericht, denn die eigenen Interessen kennen die streitenden Parteien schließlich selbst am Besten. Wenn man sich mit seinem Partner erst mal verständigt hat, gießen die Juristen das nur noch in die rechtliche Form.

Ob man nach der Mediation noch zum Gericht muss, hängt von der gefundenen Art der Konfliklösung ab: z.B. kann eine Ehe nur durch einen Richter geschieden, Grundstückgeschäfte nur mit Notarvertrag abgeschlossen werden. Wenn es keine Formvorschriften gibt und der Mediator auch Jurist ist, kann er die gefundene Lösung als Vertrag schriftlich niederlegen. Eine Mediation kann in vielen Fällen besser sein als der Gang zum Gericht und der Marsch durch die Instanzen.

Diese Chance der Entlastung hat auch die niedersächsische Justiz erkannt: Die Amtsgerichte Hildesheim und Oldenburg, die Landgerichte Hannover und Göttingen, das Sozialgericht und das Verwaltungsgericht Hannover sind Projektgerichte, die seit Herbst 2002 eine "Gerichtsnahe Mediation" anbieten. Auch die Verwaltungsgerichte in Hessen, Landgericht und Oberlandesgericht Rostock, und das Verwaltungsgericht in Greifswald wollen ab 1.1.2004 mitmachen.
Und so funktioniert's: Das Gericht schlägt in einem anhängigen Verfahren den Parteien vor, die Sache an die Mediationsabteilung des Gerichts zu verweisen; sind die Parteien damit einverstanden, dann -und nur dann- gehen die Akten an einen Richter-Mediator oder eine Richter-Mediatorin. Diese übernehmen nicht die Urteilsfindung, sondern die Suche nach der Problemlösung zusammen mit den Parteien und ggf. auch mit deren Anwälten, indem sie die Gespräche zwischen den Parteien in vertraulicher, nicht öffentlicher Sitzung moderieren und strukturieren, und das in entspannter Atmosphäre am runden Tisch bei einem Keksen, Kaffee und Mineralwasser. Zusätzliche Gerichtskosten entstehen während der Projektphase nicht.
Scheitert die Mediation ausnahmsweise, gehen diese Verfahren wieder zurück zu der ursprünglichen Kammer des Landgerichts, die dann die streitige, traditionelle Urteilsfindung fortsetzt. Wegen der unerwartet hohen Bereitschaft der Prozessparteien zur selbstverantworteten Streitschlichtung hat das Landgericht Göttingen die ursprünglich nur mit einem Richter-Mediator besetzte Abteilung auf 6 MediatorInnen aufgestockt. So sind allein im Jahr 2003 von der Mediationsabteilung des Landgerichts Göttingen bis Mitte November 475 Mediationsverfahren übernommen worden. Davon werden pro Monat 36 bis 40 Verfahren abgeschlossen. Die Einigungsquote liegt seit Beginn des zunächst auf drei Jahre befristeten Projekts bei konstant bei 90%. Damit liegt das Landgericht Göttingen über der projektweiten Einigungsquote von 74,9 % in insgesamt 434 von 795 Mediationsverfahren.

Natürlich gehört zu diesem Projekt gerichtsnaher Mediation eine umfassende Begleitforschung, die vom arpos Institut (Hannover) und von Prof. Dr. Gerald Spindler (Universität Göttingen) in gegenseitiger Ergänzung durchgeführt wird.

In der Eingangshalle des Landgerichts Göttingen steht eine Schautafel, auf der diese moderne Streitschlichtung dargestellt wird; Überschrift: "Wir können auch anders!"

(Copyright 2003 by www.anwaltsbuero.com)
Rechtsvorschrift: 
Datum:2.12.03
Verfasser:Thomas Breitenbach
Fundstelle: 
e-mail:thomas@anwaltsbuero.com


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